Kim Jong-Il ist tot

Kim Jong-Il ist tot und Nordkorea ist in den Nachrichten. Seit Jahren interessiere ich mich für Politik Ostasiens und für das mysteriöse Land nördlich des 38. Breitengrads. Viel wird dieser Tage wieder über NK geschrieben, darunter auch viel Blödsinn. Ich poste hier im Rahmen der aktuellen Lage einen vor einem Jahr von mir geschriebenen Artikel zur damaligen Situation betreffend der Machtübergabe von Vater Kim Jong-Il auf Sohn Kim Jong-Eun.

(Bilder wurden aus rechtlichen Gründen entfernt und werden nachgereicht)

Bei Gelegenheit werde ich ein aktuelles Update nachreichen und auf Medien verlinken.

Die Machtübergabe in Nordkorea

Ein Überblick – Dezember 2010.

Die Demokratische Volksrepublik Korea (DVRK), bei uns besser bekannt als Nordkorea, ist ein Land das von außen betrachtet auf den Beobachter geheimnisvoll erscheint. Konkrete Informationen zu den Vorgängen im Land sind selten und entsprechen meist entweder der offiziellen Darstellung der Regierung oder den Aussagen von Flüchtlingen.

Umso spannender ist es, dass sich in den letzten Monaten die lange Zeit unklare Frage nach Kim Jong-Ils Nachfolge geklärt zu haben scheint und viele Spekulationen nun ein Ende haben. Doch alles der Reihe nach:

 

Vorgeschichte

 In einem Punkt war und ist – sieht man vielleicht noch von Kuba ab- Nordkorea im gesamten sozialistischen Staatenblock einzigartig. In keinem anderen Land wurde die Nachfolge dynastisch geregelt. Es war ein einmaliger Vorgang, dass Kim Il-Sungs Sohn Kim Jong-Il in den 1970er-Jahren schrittweise zum Nachfolger seines Vaters aufgebaut wurde. Posten in Partei und im Militär und der Aufbau einer bizarren Propaganda rund um seine Geburt führten dazu, dass das Land seit dem Tod Kim Il-Sungs 1994 von Kim Jong-Il regiert wird. Der Titel des „Ewigen Präsidenten“ ist zwar auch im Tod an dessen Vater verliehen, ein Premierminister sowie ein der Parlamentspräsident spielen de jure ebenfalls eine wichtige Rolle, an dem exzentrischen Kim Jong-Il kommt man de facto jedoch nicht vorbei.

Viele Beobachter vermuteten in den 90er-Jahren, bedingt durch den Zusammenbruch des Ostblocks, den Tod des Staatsgründers, Hungersnöte, Flutkatastrophen sowie Energiemangel einen baldigen Zusammenbruch der DVRK.

Heute wissen wir, nichts dergleichen ist passiert. Trotz allen Problemen des Landes sitzt das Regime – so scheint es jedenfalls – fest  im Sattel. Doch Kim Jong Il – Jahrgang 1941 – leidet an Diabetes und altert schneller, als ihm lieb ist. Höchste Zeit also, sich um die Nachfolge zu kümmern.

Der Disneyland-Zwischenfall

Gerüchte betreffend der Nachfolge gab es bereits seit 1998, schließlich begann Kim Il-Sung selbst bereits 20 Jahre vor seinem Tod 1974 mit dem Aufbau seines Sohns als zukünftiger Führer des Landes. Kim Jong-Il war insgesamt viermal verheiratet, aus seinen Ehen gingen drei Kinder hervor. (Stammbaum der Kim-Familie in der Infografik)

Kim Jong-Nam ist der älteste Sohn, er wurde 1971 geboren und von 1998 an als potentieller Nachfolger gehandelt: Er bekam eine höhere Stelle im Ministerium für Öffentliche Sicherheit. Ein Zwischenfall im Mai 2001 allerdings ließ ihn bei seinem Vater in Ungnade fallen: Mit gefälschten Pässen der Dominikanischen Republik versuchte Kim Jong-Nam, gemeinsam mit zwei Frauen sowie seinem Sohn nach Japan einzureisen, um das Tokyo Disneyland zu besuchen.

Inwiefern dieses Ereignis allerdings damit zusammenhängt, dass Kim Jong-Nam in Ungnade fiel und seither in Macao lebt, lässt sich allerdings aufgrund der mangelnden Verfügbarkeit von Quellen nur schwer klären.

 

Klar ist, dass Kim Jong-Ils wichtigste Stütze im Land die Armee darstellt, deren Vorsitzender er selbst ist. Unklar ist allerdings, wie Kim Jong-Il sich die Loyalität der zahlreichen Generäle sichert. Sicherlich spielen importierte Luxusgüter eine wichtige Rolle dabei, ebenso die sog. „Songun“-Politik: „Militär zuerst!“, so die Parole. In allen Belangen des Lebens, auch bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln, wird die Armee bevorzugt. Sehr interessante Hintergrundinformationen zur Beschaffung dieser zahlreichen Luxusgüter bietet das Buch „Im Dienst des Diktators“, dass von einem ehemaligen Einkäufer und seine Geschäftsbeziehungen nach Österreich und Europa erzählt. [1]

2003 wurde nun eine politische Kampagne gestartet, die eine „perfekte, respektierte Mutter“ in den Mittelpunkt stellte und davon sprach, dass sich eine perfekte Mutter der persönlichen Sicherheit des „Kameraden Oberster Kommandeur“ unterzuordnen habe. Beobachter vermuteten daraufhin, dass mit der „perfekten Mutter“ Ko Young-Hee gemeint sei, die Mutter von Kim Jong-Ils beiden Söhnen Kim Jong-Chul und Kim Jong-nam. Nicht ganz geklärt ist hingegen, inwiefern diese Propagandakampagne mit der Nachfolge zusammenhängt, die Gerüchteküche brodelte weiter.

Schwenk zu Kim Jong-Un

2009 schließlich begann das Pendel in Richtung seines jüngsten Sohnes, Kim Jong-Un, zu schwenken. Die südkoreanische Tageszeitung Dong-a Ilbo berichtete im Juni 2009, dass Kim Jong-Un zum Chef des Geheimdienstes ernannt worden ist. [2] Ein halbes Jahr später, im Januar 2010, wurde der Geburtstag Kim Jong-Uns in der DVRK zum Feiertag  erklärt, allerdings ist nicht ganz klar, ob er 1981, 1982 oder 1983 geboren ist.

Mitte September 2010 kam es auf einer Reise des US-Amerikanischen Ex-Präsidenten Jimmy Carter zu einem Gespräch zwischen dem chinesischen Premierminister Wen Jiabao und ihm. [3] Carter, zwei Wochen zuvor zwecks der Freilassung eines Landsmannes nach Pyeongyang gereist, erkundigte sich bei seinem chinesischen Gesprächspartner nach dem chinesischen Kenntnisstand über die mögliche Nachfolge bei Kim Jong Ils, da dieser einige Monate zuvor nach China reiste. Überraschenderweise wurde Wen Jiabao zitiert, dass die Gerüchte um Kim Jong-Un als Nachfolger einem DVRK-Offiziellen zufolge nur falsche Gerüchte des Westens“ seien.

In den folgenden Wochen jedoch begannen sich die Ereignisse zu überschlagen:

Am 28. September 2010 fand der Parteitag der Nordkoreanischen Arbeiterpartei (PdAK) statt, der erste Parteitag seit 30 Jahren. [4] Auf diesem wurde Kim Jong-Il als deren Generalsekretär bestätigt, sein Sohn Kim Jong-Un zum Vier-Sterne-General (대장) befördert. [5] Ein Schritt, der einige Parallelen zum Werdegang seines Vaters aufzeigt und  als sicheres Zeichen, dass Kim Jong-Un zum Nachfolger erkoren wurde, zu deuten ist.

Erwähnenswert ist, dass Kim Jong-Un erstmals im staatlichen Fernsehen erwähnt wurde. Zudem wurde darauf eingegangen, wie sehr das „koreanische Volk“ den Verdiensten von Kim Jong-Il dankbar sein müsse und dass diese Verdienste „lange in der Geschichte unseres Landes strahlen werden“. Über seinen konkreten Gesundheitszustand wurde nicht viel erwähnt.

Am 10. Oktober 2010, keine zwei Wochen nach dem Parteitag, fand in der Hauptstadt Pyeongyang eine Parade anlässlich des 65. Jahrestages der Parteigründung der PdAK statt. [6] Neben Kim Jong-Il selbst und einigen Generälen stand auch Kim Jong-Un auf der Ehrentribüne und nahm die vorbeimarschierenden Soldaten ab. [7] Erstmals in der Gesichte des Landes wurde die knapp zwei-stündige Parade im nord-koreanischen Staatsfernsehen sogar live übertragen, ein Indiz, dass Kim Jong-Un weiter in den Mittelpunkt gerückt werden sollte.

Tags zuvor waren Vater und Sohn zudem bei der „Arirang“-Massengymnastik im „May-Day-Stadion“ in Pyeongyang zu sehen gewesen.

Yang Hyong-Sop, der stell-vertretende Vorsitzende des Parlaments sprach von neugewonnener Ehre, dem jungen General-Kameraden Kim Jong-Un dienen zu dürfen.

Am 27. Oktober 2010, bei einem Treffen im Rahmen des „60. Jahrestags der Teilnahme Chinas am Korea-krieg“ wurde ein Foto von Kim Jong-Il und Sohn in den nordkoreanischen Medien veröffentlicht.

Jugend in der Schweiz

Bekannt ist, dass der heute 27jährige Kim Jong-Un die Schule in der Schweiz unter einem  Pseudonym (Pak Cheol) besucht hat. Seine Herkunft war in der Schweiz allerdings nicht bekannt. [8]

Er soll sich in seiner Jugend für Basketball begeistert haben. Weiters war ein Fan von Michael Jordan und soll Modern Talking gehört haben. 

Vorliebe für Johnny Walker

Bekannt ist, dass Kim Jong-Il ein Faible für edlen Cognac besitzt. Sein Sohn steht ihm in dieser Angelegenheit scheinbar in nichts nach: Fujimoto Kenji, der ehemalige Chefkoch der Kim’s, sprach in einem Interview mit der südkoreanischen Tageszeitung Chosun-Ilbo davon, dass Kim Jong-Un eine Vorliebe für Johnny Walker, Computerspiele und Atombomben hätte. [9]

Kim Jong-Uns zukünftige Rolle

Unklar ist, wie und ob Kim Jong-Un sich politisch etablieren können wird. Kim Il-Sung hatte die Juche-Philosophie, Kim Jong-Il die Songun-Politik. Vermutlich wird eine Phrase gefunden werden, um den Kim in der 3. Generation an das Volk verkaufen zu können.

Die südkoreanische Tageszeitung JoongAng-Daily bringt die Phrase „Co-Evolution“ als Möglichkeit. [10] Kim Jong-Uns Situation, das Land zu übernehmen sei demnach eine ganz andere als die Situation vor zwanzig Jahren. Die Möglichkeit, das Land auf einen langfristig gesehenen positiven Weg zu bringen sei demnach durchaus möglich. „Mit-Evolution“ mit China, aber auch mit Südkorea und der internationalen Gemeinschaft des 21. Jahrhunderts wären eine Abkehr vom bisherigen Weg der radikalen Abschottung. Hierzu wären allerdings radikale Wirtschaftsreformen ähnlich denen der Liberalisierung in China unter Deng Xiaoping vor 30 Jahren nötig. Ob der „Zombie-Staat“ in Pyeongyang [11] dazu bereit ist, bleibt abzuwarten.

Erste Aktionen des jüngsten Kims, Vor-Ort-Besuche in Munitionsfabriken und eine Kampagne, diese CNC-gesteuert herzustellen [12], lassen allerdings im Moment noch keinen Schritt in diese Richtung erkennen.

Die Propaganda beginnt

Ähnlich wie bei seinem Vater Kim Jong-Il zuvor, scheint bereits Material verteilt zu werden, in dem über heroische Taten und Mythen in seiner Vergangenheit berichtet wird. Kim Jong-Il ist in der offiziellen nordkoreanischen Propaganda beispielsweise am heiligen Berg Paekdu-san geboren, kam tatsächlich aber in der UdSSR zur Welt. Wie die südkoreanische Tageszeitung Hankyoreh am 11.10.10 berichtet, soll Kim Jong-Un in den Propagandaschriften unter anderem bereits als dreijähriger eine Waffe in die Hand genommen haben  und auf Anhieb ein begabter Schütze gewesen sein. [13] Zudem werde dar-gestellt, dass Kim Jong-Un die „revolutionären Gedanken“ mithilfe seines außerordentlichen Verstandes gemeistert und dank seiner Analysefähigkeiten noch weiter verbessern werde.

Wird Kim Jong-Un das gelähmte Land reformieren und auf einen nachhaltigen Weg bringen können oder wird das einflussreiche Militär noch mehr Macht bekommen? Es bleibt abzuwarten, wie sich das Land nach dem Tod Kim Jong-Ils entwickeln wird. PV

Quellenangaben:

[1] Steiner-Gashi, Ingrid / Gashi, Dardan: Im Dienst des Diktators. Leben und Flucht eines nordkoreanischen Agenten.- Wien: Ueberreuter 2010.

[2] NK Leader Gives Son Control of Secret Police. Dong-A Ilbo vom 24.6.09, http://english.donga.com/srv/service.php3?biid=2009062447518

[3] Trip Report by Former U.S. President Jimmy Carter to China, 13.09.2010, http://www.cartercenter.org/news/trip_reports/china-090410.html

[4] John Simpson: Is North Korea following the Chinese model? BBC News vom 27.09.2010, http://www.bbc.co.uk/news/world-asia-pacific-11432894.html

[5] John Sudworth: North Korea’s Kim paves way for family succession. BBC News 28.09.2010, http://www.bbc.co.uk/news/world-asia-pacific-11417016.html

[6] Lee Je-hoon: WPK events used to glorify Kim Jong-un. Hankyoreh vom 11.10.2010, http://english.hani.co.kr/arti/english_edition/e_northkorea/443219.html  [7] N.K. Leader, heir apparent son review military parade.

Korea Herald vom 11.10.10, http://www.koreaherald.com/national/Detail.jsp?newsMLId=20101010000022

[8] siehe Endnote 4

[9] Kim Jong-un ‚Loves Nukes, Computer Games and Johnny Walker‘.

Chosun Ilbo vom 20.12.2010, http://english.chosun.com/site/data/html_dir/2010/12/20/2010122001136.html

[10] Cho Dong-ho: Kim Jong-Un needs to be branded. Joongang Daily vom 02.11.2010, http://joongangdaily.joins.com/article/view.asp?aid=2927791

[11] Hanns W. Maull: Der Zombie-Staat. Die Zeit vom 10.12.2010, http://www.zeit.de/2010/50/P-Nordkorea?page=2

[12] Christine Kim: Kim Jong-Un pushing “Military First”. Joongang Daily vom 19.11.2010, http://joongangdaily.joins.com/article/view.asp?aid=2928598

[13] siehe Endnote 6

 

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Eine Antwort zu Kim Jong-Il ist tot

  1. Claudia schreibt:

    Danke das war sehr informativ für mich und ich hoffe ich muß nicht allzulang auf das update zur jetzt aktuellen Lage warten. lg

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