Tsugaru Shamisen – Was ist das?

Tsugaru Shamisen – Eine kurze Einführung

Einigen Lesern dürfte es bekannt sein, dass ich seit ca. einem Jahr eine Tsugaru Shamisen besitze. Während meines ersten Japanaufenthaltes hatte ich dankenswerterweise ja die Gelegenheit, auf Okinawa eine Einführung in die dort verbreitete „Sanshin“ zu bekommen. Beide Instrumente haben viel gemeinsam, unterscheiden sich jedoch in der Spielweise fundamental voneinander.

Auffalend dürfte natürlich v.a. der Größenunterschied sein. Die Sanshin wirkt neben der wuchtigen Shamisen geradezu klein und zerbrechlich. Und obwohl die Saiten gleich gestimmt werden, erzeugt selbst einfaches Zupfen bei beiden Instrumenten einen ganz anderen Klang. Die Shamisen klingt „erwachsener“, „härter“ und „ernster“ als die Sanshin.

Dieser Umstand ist auch in den dazugehörigen Liedern und ihrer Spielweise zu hören, zu sehen und leicht zu erklären. Die Sanshin stammt aus dem ehemaligen Ryukyu-Königreich, heute „Okinawa“ – die Inseln liegen weit im Meer, die Kultur der dortigen Einwohner hat wenig bis kaum etwas mit den Restjapanern gleich.

Die Tsugaru-Shamisen hingegen kommt aus dem äußersten Norden Japans. Benannt nach der gleichnamigen Stadt in der Präfektur Aomori war die Tsugaru Shamisen Begleitinstrument für dortige Volkslieder. Hauptunterschied zur Sanshin: Der Spieler singt nicht selbst. Die Shamisen ist zwar auch in Restjapan verbreitet, die Spielweise unterscheidet sich allerdings fundamental von den Liedern aus dem Norden. Als Begleitung im traditionellen Theater (im Kabuki ebenso wie im  Bunraku), als Instrument der Geisha oder für Volkslieder war die „Nagauta“ oder „Kouta“ genannte Shamisen auch dort verbreitet. Beispiele für diese beiden Spieltypen am Ende des Eintrags.

Der Unterschied in der Spieltechnik zwischen beiden Instrumenten stellt mich oft vor das Problem, wie ich jene zahlreichen Tsugaru-Techniken erlernen sollte. Ohne Lehrer ist es nicht einfach, sich derartiges beizubringen. Youtube sei Dank allerdings konnte ich vieles bereits dadurch kostenlos und auf einfachem Wege erlernen. Sei es nun die grundlegende Spielweise oder ein paar einfache Techniken.

Als Vorbereitung für meinen nächsten Aufenthalt in Japan in diesem Sommer bin ich nun auf der Suche nach einem Lehrer, der mir in Japan in einer Art Intensivkurs gibt. Gestoßen bin ich auf eine Schule in Tokyo, die sich auf Takahashi Chikuzan’s Spielweise stützt und ein sehr interessantes Angebot hat.

Doch… Takahashi Chikuzan? Wer ist Takahashi Chikuzan? Internet sei Dank ist eine Recherche zum Thema schnell gemacht. Viele Menschen bei uns, die sich für derartige Musik interessieren, haben schon einmal von den „Yoshida Brothers“ oder von „Hiromitsu Agatsuma“ gehört oder zumindest Videos gesehen. Gibt man bei Youtube „Shamisen“ ein, so findet sich als erster Treffer seit 2007 das Video „Shamisen VS Shamisen“:

Dieses Video war damals mein erster Kontakt zu diesem Instrument. Nicht japanisch lesen könnend wusste ich nicht viel mehr, als dass es sich einfach um 2 im TV auftretende Shamisen-Spieler handelt. Heute weiß ich: Einer der beiden Spieler ist Hiromitsu Agatsuma (我妻宏光).

Was hebt diese Spielart von den anderen ab und weshalb wurde sie in den letzten Jahren auch in Europa bekannt und populär?

Das Tsugaru-Genre gilt als relativ jung, es wurde erst am Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt und erreichte seine Form im Laufe der Zeit. Wurzeln der Spielart liegen darin, dass es blinde Menschen gab, die mit der Shamisen von Haus zu Haus zogen, um sich dadurch ein wenig Geld zu verdienen.

Einer dieser blinden Menschen war Takahashi Chikuzan, der als einer der größten Virtuosen auf der Shamisen in die Geschichte einging. Sozusagen ein „Ray Charles auf der Shamisen“. Er prägte den Stil ebenso wie Yamada Chisato mit.

Im Gegensatz zu den anderen Stilen ist vieles im Tsugaru-Repertoire darauf ausgelegt, dass es Solo gespielt wird und viele Variationen enthält. Der Tsugaru Jongara Bushi ist eines der klassischen Stücke, beide bereits in diesem Eintrag enthaltenen Videos waren ein Jongara Bushi. Wer sich beide angesehen hat, dürfte bereits erkennen, wie wichtig der individuelle Einfluss des Spielers und in weiterer Folge des Lehrers für das Spielen dieser Stücke ist. Der Grundaufbau ist vergleichsweise einfach: Auf das charakteristische Anschlagen der 3 Saiten zur Kontrolle der Stimmung beginnt das Stück mit der typischen Melodie, ehe die Variationen und die Soli beginnen. Man kann dabei alleine spielen, zu zweit aber auch in größeren Gruppen. Ich wage mir zu behaupten, dass diese Spielweise und der Aufbau sehr dem Boogie Woogie und dem Blues auf dem Klavier ähnelt.

Neben diesem Jongara-Bushi gibt es noch einige andere „Bushi“ (節): Den Aiya-Bushi (あいや節), den Kohara-Bushi (小原節), den Yosare-Bushi (よされ節) oder den Tanto-Bushi (タント節). Ähnlich dem Jongara-Bushi geben auch diese das Spiel nur ungefähr vor, Platz zum Improvisieren ist reichlich vorhanden.

Davon abgegrenzt stehen die Tsugaru-Volkslieder: Der Ringo-Bushi (りんご節), das Tsugaru-Jinku (津軽甚句) oder der Ajigasawa-Jinku (鯵ヶ沢甚句) können auch von Gesang oder Taiko-Trommeln begleitet werden.

Die zunehmende Popularität bei jüngeren Japanern und auch in Europa dürfte v.a. durch junge Spieler wie die oben bereits erwähnten Yoshida Brothers oder zu erklären sein. Auch der in Tsugaru aufgewachsene Kevin Kmetz samt seinen Freunden soll nicht unerwähnt bleiben. Er ist zwar weniger in der Musikbranche aktiv, auf seinem Youtubekanal finden sich hingegen zahlreiche Videos, die sein unglaubliches Talent zeigen. Der Tsugaru-Stil wurde mit verschiedensten Stilrichtungen kombiniert und herauskamen Mischungen mit Rock, Jazz, aber auch Neuinterpretationen von bekannter Filmmusik und eine meiner Meinung nach virtuose Umschreibung eines spanischen Gitarrenkonzertes für Shamisen:

Bleiben zum Ende noch 2 Punkte zu sagen…:

1.) Trotz des durchaus vorhandenen Interesses scheint es in Europa noch keine Shamisen-Community zu geben. Lehrer sind im Gegensatz zu Koto oder Shakuhachi nicht bis kaum vorhanden, autodiktatisch ist das Instrument kaum zu Erlernen. Ich hoffe, dass diese Situation sich ändern wird.

2.) Ich bin gespannt, wie sich die Shamisen in den nächsten 10-20 Jahren weiterentwickeln wird. Den Sprung weg vom Begleitinstrument hat sie mit Bravour gemeistert, elektrische Shamisen lassen viel Potential nach oben erkennen.

Nun noch ein Video zur Okinawa Sanshin sowie ein Beispiel für die gänzlich andere Nagauta-Spielweise.

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Eine Antwort zu Tsugaru Shamisen – Was ist das?

  1. Joshua schreibt:

    Ich bin ein deutscher Shamisenlernender (nagauta), und werde nächstes Jahr an einer Musikwissenschaftliche Feldforschung über das Sanshin in Okinawa teilnehmen. Ich suche schon seit einiger Zeit nach Menschen in Europa, die auch Shamisen spielen. Vielleicht könnte sich ja eine interessante emailkorrespondenz hieraus ergeben, eventuell eine echte Community Deutschsprachiger Shamisenspieler entstehen. pluralismus@web.de
    Viele Grüße

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